Ausstellung

Group Show

And you will shine and shine, unspent and underground

28 Aug — 2 Okt 2021

GOLESTANI ist erfreut, eine neue Ausstellung mit Werken von Emma Kohlmann, Felix Beaudry, Karen Finley und Sadie Laska ankündigen zu dürfen, die sich der Lyrik der im Oktober 2020 verstorbenen Schriftstellerin Diane di Prima widmet.

Diane di Prima gilt als wichtige, weibliche Vertreterin der männlich dominierten Beat-Generation aus dem Zirkel um Ginsberg und Ferlinghetti – eine Frau, die sich affirmativ dem Leben und der Poesie verschrieb. Geboren und aufgewachsen in Brooklyn, New York entledigte sie sich früh des Korsetts der willfährigen vorstädtischen Hausfrau der 50er-Jahre und erkundet ein freies Leben im Lichte der Großstadt.

Bezeichnend für ihr Werk ist der Einsatz des Stilmittels des Stream of Consciousness – eine Erzähltechnik, die eine freie, scheinbar ungeordnete Abfolge von Bewusstseinsinhalten, der ungefilterten Aufnahme von Außenwelt und Innerstem wiedergibt und so die Subjektivität der Wahrnehmung hervorhebt. Eine Haltung, die den Wert des Subjektiven hervorhebt und dem aristotelischen Primat rationaler Objektivierung von Wahrnehmung als erstrangige Methode der Wissenschaft, aber auch als vorherrschendes gesellschaftliches Paradigma gegenübersteht – und die sich im Wesen der Bildenden Kunst wiederfindet, insbesondere dort, wo sie sich formalen Kriterien der Erscheinung verpflichtet.

Die Ausstellung führt vier künstlerische Positionen gattungsübergreifend mit Malerei, Werken auf Papier, Tapisserie und Performance zusammen und stellt sie in den Werkkontext einer Auswahl früher Gedichte di Primas, die frei und unabhängig voneinander arbeiten, die sich auf vier unterschiedliche Weisen, teils kritisch, teils ästhetisierend, jedoch gleichsam eindringlich den Themen Körper, Sexualität und Identität sowie emanzipatorischer Prozesse der Befreiung von gesellschaftlichen Geschlechter- und Rollenvorstellungen verschreiben.



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Emma Kohlmanns Arbeiten visualisieren ein ganz ursprüngliches, menschliches Verlangen nach Vertrautheit und Verbundenheit mit der Natur, nach einer Einheit mit der Welt. Dieser erträumten oder fantasierten Verbundenheit gibt die Künstlerin in satt gefärbten, zur Abstraktion neigenden Bildwelten auf Papier und Leinwand Gestalt. Es sind Orte der Ruhe und des Gleichgewichts, die zum Verweilen und Betrachten einladen.

Kohlmanns Figuren strahlen eine Geborgenheit und Fürsorge aus, die unweigerlich in den Bann ziehen. Der weite Schwung, mit dem tiefblaue Arme einer Figur Menschen, Pflanzen und Tiere umschließen, zeugt von einem inneren Sehnen nach etwas, das es real nie gab oder geben wird: dem Einssein von Mensch und Natur. Diese Verbundenheit zeigt sich bei Kohlmann nicht umsonst in einem nicht weiter definierten, irrealen, gar märchenhaften Ort. So bilden die allumfassenden Arme und Ranken den Rahmen einer Welt, die unendlichen Frieden verheißt, den die Realität des 21. Jahrhunderts augenscheinlich nicht einlösen kann. Einen Rahmen, in dem sich das Innere austoben, in Strängen wirbeln oder einfach nur ruhen kann. Und innerhalb dieses Rahmens frei ist. Leichtigkeit und Zuneigung werden durch Symbole wie dem Schmetterling oder das Lamm vermittelt.

In diesem visuellen Rahmen entspinnt sich durch die Zartheit und Zärtlichkeit der Gesten eine tiefe Verbindung zwischen den Motiven: Kohlmanns Bildkompositionen vermitteln eine geheime Intimität zwischen Tieren, Menschen und Pflanzen, die sich in ihren Formen optisch annähern. Die Künstlerin räumt ihren Motiven so einen gleichberechtigten Raum vor dem weißen Grund ein - und erzeugt damit eine verheißungsvolle Sphäre der friedlichen Koexistenz, des egalitären Beisammenseins.

So bleiben Kohlmanns Werke feine, intime und vollends friedliche Gedanken- oder Traumwelten, die die Künstlerin mit ihrem zur Abstraktion tendierenden Stil erschafft. Welten, die irgendwo zwischen Imagination und mystischer Erzählung entstanden sind und ihren Weg ins heute gefunden haben. Dabei erscheint es fast so, als manifestierten sich die Gedanken, Wünsche und Träume der Figuren selbst ganz bildlich neben den Schlafenden oder ruhenden Figuren.

Dieses friedvolle Nebeneinander von Motiven und Symbolen strahlt eine so verführerisch tiefe Ruhe aus, dass sich die Betrachtenden den einnehmenden Bildwelten kaum entziehen können. Auf diese Weise wird der weiße Bildgrund von Kohlmanns Werken zum Raum eines geradezu paradiesischen Friedens, der sich der Realität aber gleichzeitig entzieht.

Ein erträumter Garten Eden – der doch immer Mythos oder Märchen bleibt und dessen Zauber deshalb umso mehr eine tiefe und ursprüngliche Sehnsucht weckt. Die mysteriösen und gleichzeitig sehr nahbaren Figuren verlocken dazu, ihnen in die verzauberte Fauna zu folgen zu wollen – auf der Suche nach dem Versprechen von tiefer Zufriedenheit, Erlösung oder gar ewigem Frieden.

Emma Kohlmann (g. 1989 in der Bronx, NY) erhielt ihren BA am Hampshire College in Amherst, MA. Ihr Werk wurde national und international gezeigt in Einzelausstellungen bei Jack Hanley Gallery, NY; Nationale, Portland und der Kit Gallery, Tokyo; sowie in Gruppenausstellungen im Portland Museum of Art, Portland; MOCA Tucson und bei New Release, New York.



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Felix Beaudrys Tapisserien sind ein Befreiungsschlag gegen gängige Sehgewohnheiten und normative Bildvorgaben: Im Spiel mit der traditionellen Ikonografie lesen sie sich nahezu wie die Entzauberung gängiger Mythen, die seit Jahrtausenden die europäische Bildsprache prägen.

Grobschlägige Riesen treffen auf undefinierbare Figuren, auf Biester und Bestien, die Beaudrys kaum definierten Bildraum bevölkern. Doch es sind nicht einfach stereotype Abbildungen von Monstern, von Gut oder Böse. Mitunter kommen Beaudrys Akte dem Menschlichen sehr nahe, verlieren das Abschreckende fast gänzlich.

So bleiben seine Figuren mehrdeutig und individuell. Zwar wirken sie durch ihre Mimik und Masse wild und ungestüm, rau und gewaltig. Ihre Körper aber gehen darüber hinaus eine Auseinandersetzung mit sich selbst ein: Sie fließen in erotischen bis hin zu pornografisch- obszönen Wechselspielen ineinander, verwandeln und transformieren sich zu unidentifizierbaren Körpermassen und fluiden Einheiten. Geschlecht oder Wesen sind offen für Interpretation.

Mit diesem Rückgriff auf das traditionelle Bildthema der Metamorphose entzaubert Beaudry auch den Mythos vom heteronormativen Körper, entzaubert die noch heute vorherrschende gesellschaftliche Erwartungen an Geschlecht und Sexualität als solche. Beaudrys Wesen werden so zum Sinnbild der gesprengten Norm, indem ihre Uneindeutigkeit und mögliche Irritation anstelle heteronormativer Motive bildwürdig gemacht werden.

Damit fokussiert sich Beaudry auf jene Seiten der Mythen, die traditionell hinter den heroischen Aspekten der Sagen zurückbleiben: das vermeintlich Anormale und Ambivalente. Beaudry rückt jene Aspekte in den Fokus, die den Mythen als Sinnbilder der menschlichen Psyche eigentlich schon immer inhärent waren, aber gesellschaftliche Ablehnung erfuhren und noch erfahren. Es ist, als zeige sich in Beaudrys Bildfindungen geradezu die verpönte Kehrseite des Mythos.

So arbeitet der Künstler heraus, was seit Jahrtausenden eigentlich Kern hellenistischer Mythen ist: Die Faszination des Menschen für das Unaussprechliche, Unverständliche und Uneindeutige – existentielle Furcht und Angst vor dem Unbekannten und Unbegreiflichen in der Welt, die ihren Ausdruck in archaischen Sagen gefunden haben. Gesichter und Fratzen, fast Masken einer griechischen Tragödie gleich, offenbaren in einigen von Beaudrys Werken tiefgreifende Emotionen. Diesen urmenschlichen Gefühlen bietet der Künstler auf seinen Stoffbahnen eine aktuelle Bühne.

Die Wandteppiche – eine Gattung die einst Inbegriff von Handwerkskunst war – werden bei Beaudry auch nicht umsonst von Maschinen nach den Entwürfen des Künstlers gefertigt. Der Wandteppich ist als traditioneller Bildträger glorreicher Schlachten, historischer Siege und epischer Heldengeschichten nun zur Bildfläche für Obszönes geworden. Nicht das gesellschaftlich Anerkannte und Edelmütige wird in Szene gesetzt, sondern das vermeintlich Abgründige und Tabuisierte. Held oder Heldin sind abwesend. Sie lassen Platz für das, was das Leben abseits aller Normen ist – und schon immer war.

Felix Beaudry (g. 1996 in Berkeley, CA) hat das Studium der Kunst 2018 mit BFA an der Rhode Island School abgeschlossen. Seine Arbeiten wurden gezeigt bei ltd., Los Angeles; Tatjana Pieters, Gent; Situations, New York City, sowie im RISD Museum in Providence.



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Wenn Karen Finley ihre weißen Papiere beschreibt, dann schreibt sie, was gesagt werden sollte. Was aktuell oder noch immer gesagt werden muss. Dabei komprimieren Finleys Arbeiten gesellschaftliche Fragestellungen auf ein visuell mögliches Minimum, auf nur einen Satz auf weißem Papier. Manchmal auf nur einzelne Wörter oder auf nur einen Begriff, der sich prominent vom weißen Bildgrund abhebt.

Es sind Begriffe mit Sprengkraft, die Finley aufschreibt - die sofort Assoziationen wachrufen und in Sekundenschnelle Tabu-Themen rundum Sexualität, Gewalt und die Rolle der Frau in der Gesellschaft anreißen. Im Vordergrund stehen dabei Termini aus dem zeitgenössischen politischen Geschehen in den USA. Es sind Schlagwörter aktueller Debatten, Begriffe des kollektiven Gedächtnisses, die sofort einen Diskurs eröffnen und mit ihrer radikal vereinfachten Darstellung eine Debatte anfachen.

Mitunter kombiniert Finley das geschriebene Wort auch mit Bildern. Am eindrücklichsten kommen ihre Schriftzüge aber ganz ohne Beiwerk zur Geltung. „White lies“, „Fuck politics“, „End the patriarchy“ oder „End white supremacy“ stehen da etwa in schwarzem, geradezu schluderigem Schriftzug auf dem weißem Papier. Aussagen, wie direkt von einer Demo aufgeschnappt. Sie könnten kaum direkter sein, das Statement wird zum Kunstobjekt selbst.

Aber Finleys Stärke ist gleichzeitig auch das Spiel mit dem Tabu, dem Unaussprechlichen, sodass sie selbst bestimmte Begriffe mitunter nur umreißt. Aufschreiben oder Umschreiben, Aussprechen oder Verschweigen: Mit „Blood coming out of her whatever“ geht Finley das Spiel der gesellschaftlichen Tabuisierung von Begriffen ganz dezidiert ein. Genau dieses „whatever“ benennt die Künstlerin konform der gesellschaftlichen Erwartungen nicht – und möglicherweise entgegen aller Erwartungen an sie als feministische und sonst explizit formulierende Künstlerin. Das rückt den verschleierten Begriff nur umso stärker ins Gedächtnis. Einerseits könnte Finleys Einsatz des Mediums Papier kaum simpler sein, andererseits kaum eindrücklicher – und ausdrücklicher. An ihren Aussagen führt kein Weg vorbei, einmal gesehen und gelesen, gibt es kein Entkommen ins Gemütliche und Unpolitische. Finleys gestische Schrift springt geradezu ins Gesicht, macht ein pikiertes Ausweichen oder gleichgültiges Abwenden nahezu unmöglich. Stattdessen machen die Worte sichtbar – oder zumindest schaffen ihre Schriftzüge Sichtbarkeit. Dafür braucht es nicht viel, eine bunte Farbe. Nur ein Stück weißes Papier. Ganz monochrom leuchten Finleys „Botschaften“ am grellsten.

Karen Finley (g. 1956 in Chicago, IL) widmet sich als Performance-Künstlerin seit den Siebziger Jahren in kompromissloser Weise Tabu-Bereichen rundum Sexualität, Gewalt und die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Neben ihren bewegenden Performances verleiht Finley ihrer Konzept-Kunst medienübergreifend Ausdruck und ist als Musikerin, Lyrikerin und Malerin schöpferisch tätig. Ihre Projekte führten zu öffentlichen Kontroversen und gaben Anlass zum Dialog. Bezeichnend für ihr Werk ist ihr Engagement für die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks, als Friedensaktivistin, und für eine Familienplanung als Menschenrecht, sowie ihre Kritik an Homophobie. Finley hat derzeit eine Professur an der Tisch School of Arts der New York University (NYU) inne.



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Etwas schwingt sacht in Sadie Laskas Stoffcollagen – es ist der Bildgrund selbst. Mit ihren Flaggen bringt die Künstlerin die Collage als Gattung in Bewegung, überführt sie ins Dreidimensionale ohne dabei gänzlich aus dem Medium des klassischen Tableaus auszusteigen – wodurch die Grenzen zwischen Malerei, Collage und Plastik umso stärker zu verschwimmen scheinen.

Dabei bedient sie sich einer abstrahierenden Bildsprache, die sowohl den Rückgriff aufs Figürliche wie auch auf das rein Geometrische umfasst. Rechtecke aus Stoff kleben auf Laskas Collagen übereinander, werden von Farbe über- oder untermalt, von Worten und abstrakten Figuren bevölkert. Und zwischendrin immer knallige Akzente, die gar an Pop-Art denken lassen – ebenso wie der Einbezug von Akten und Fotos von Konsumgütern.

Laskas Kombination aus Wort und Bild steht gleichzeitig aber auch in der Tradition der Collage des frühen 20. Jahrhunderts. Schwarze Köpfe, abstrakt und kahl wie dadaistische oder surrealistische Schaufensterpuppen oder Automaten, skandieren wild Parolen, die über das Bild auf dem Stoffgrund purzeln. Doch ungleich der surrealistischen Collage, glättet Laska die Materialgrenzen nicht zugunsten einer irrealen Illusion, sondern betont die Materialbrüche und Übergänge.

Die Fragmentierung und Zersetzung der Motive einer typischen Papiercollage werden in Laskas Werken zu Stofffetzen selbst. Muten die Sprüche auf ihren Collagen geradezu anarchistisch an, so ist auch ihre Auseinandersetzung mit dem stofflichen Bildmaterial ungewöhnlich. Die Künstlerin zitiert zwar deutlich die Formsprache des Dadaismus – um gleichzeitig doch aus ihr auszubrechen.

Laskas Collagen scheinen dabei inhaltlich von einer starken Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen geprägt zu sein, wie es auch typisch für die Collagen der 20er Jahre ist. „No Utopia for You!“ zieht sich etwa über eine ihrer Collagen. Und immer wieder tauchen abstrakte Zeichen wie Kreuze und Zacken auf, die eine Dynamik kreieren, eine Atmosphäre von Aktion, Aufbruch und Umbruch vermitteln.

So trifft ein grob umrissener Golfer auf noch gröber umrissene Totenköpfe. Es sind Symbole, die geradezu danach schreien, dass die Betrachter:innen ihr soziales Umfeld, ihre Position in der Gesellschaft befragen. Andere Motive und Zusammenstellungen hingegen muten in ihrer knalligen Pastellfarbgebung überspitzt idyllisch, andere fast wie ein Tagtraum oder eine psychedelische Illusion an.

Diese visuelle wie inhaltliche Dynamik, die Geschwindigkeit und die Bewegung, die in Futurismus und Dada traditionell durch abstrakte Formen verbildlicht werden, zeigen sich bei Laska allerdings nicht alleine in den Motiven, sondern auch im Material des Bildgrundes selbst. Die Falten der Stoffplanen wölben sich vor der Wand. Der Bildgrund wirft sachte Schatten auf sich, scheint zu atmen - ist nicht mehr statisch wie das klassische Tableau. Sondern selbst in Bewegung.

Sadie Laska (g. 1974 in Prince, WV) ist eine bildende Künstlerin und Musikerin, die in Queens, New York, lebt. Sie erhielt ihren MFA 2014 von der Milton Avery Graduate School of the Arts. Laskas Arbeiten wurden international gezeigt, mit Einzelausstellungen bei CANADA, New York; Office Baroque, Brüssel; KS Art, New York; und Galerie Bernard Ceysson in Paris, Saint Etienne, Frankreich; Luxemburg und Genf. 2017 beteiligte sie sich an einer von Damien Hirst organisierten Ausstellung in der Newport Street Gallery in London. Im selben Jahr kuratierte Laska „Animal Farm“ – eine Gruppenausstellung in der Brant Foundation and Study Center in Greenwich, CT. Darüber hinaus wurden ihre Arbeiten im Rahmen von Gruppenausstellungen gezeigt, darunter Night Gallery in Los Angeles, Gavin Browns Enterprise, White Columns, Marlborough Gallery, James Fuentes Gallery, alle in New York; neben anderen. Laskas Band I.U.D. führte an Spielorten auf wie das Whitney Museum of Modern Art, MoMA PS1 Contemporary Art Center, The Kitchen, ISSUE Project Room, Astrup Fearnley sowie die Kunsthalle Zürich.



Die Ausstellung wird durch die Stiftung Kunstfonds und das Ministerium für Kultur und Medien im Rahmen des Programms Neustart Kultur gefördert. Zur Ausstellung ist ein Viewing Room zugänglich, zudem erscheint ein Buch mit der Lyrik Diane di Primas und Bildern von Emma Kohlmann, Felix Beaudry, Karen Finley und Sadie Laska.